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Das erweiterte Schnellerfassungs-Programm 

Untersuchungsgebiet 

Neben den Häfen der Nord- und Ostsee, die Einfallstore für die Ansiedlung exotischer Arten darstellen, bildet der internationale Handel mit Aquakulturorganismen einen entscheidenden Vektor bei der Einschleppung gebietsfremder Arten. Vor diesem Hintergrund wurde 2009 ein Stationsnetz festgelegt, das im Laufe der Jahre mehrfach ergänzt wurde. Das aktuelle Stationsnetz umfasst 17 Probestationen, von denen 9 an der Nordsee- und 8 an der Ostseeküste liegen. Die Station Bensersiel wird durch die Norddeich ersetzt und ab 2018 nicht mehr untersucht.

 

Neben den oben genannten Kriterien orientiert sich die Auswahl der Probeorte an logistischen Überlegungen wie guter Erreichbarkeit und problemlosem Zugang zu den zu untersuchenden Strukturen. An den ausgewählten Standorten wird versucht, nicht nur den Lebensraum der ‚fouling communities‘ an anthropogen geschaffenen Hartsubstraten wie Bootsstegen und Küstenschutzanlagen zu untersuchen, sondern auch die mobile Fauna an Buhnen, Molen oder zwischen Steinschüttungen zu erfassen sowie die Lebensgemeinschaften von Sedimentböden. Der Zeitraum im Spätsommer und Herbst hat sich in den vorangegangenen Jahren für die meisten Organismen durch die dann hohen Abundanzen als der am besten geeignete erwiesen.

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Probenahme 

In Anlehnung an die Methodik international anerkannter rapid assessment surveys (Campbell et al. 2007, Cohen et al. 2005, Gittenberger et al. 2010, Hewitt et al. 2004, Minchin 2007 u. a.) orientieren sich die Beprobungen an einem qualitativ bis semi-quantitativen Ansatz. Abundanzen der Neobiota werden nach Häufigkeiten abgeschätzt (dominant, häufig, regelmäßig, vereinzelt). Der zeitliche Aufwand pro Habitat liegt bei ca. 45 bis 60 min, kann aber aufgrund der örtlichen Gegebenheiten abweichen. Klares Ziel der Untersuchungen ist es, mit den gegebenen zeitlichen und personellen Mitteln eine möglichst umfassende Kenntnis über das Artenvorkommen der Neobiota im jeweiligen Gebiet zu erlangen. 

 

Schwerpunktmäßig werden untersucht: 

A. Stege, Schwimmpontons und untergetauchte Hartsubstrate in Sportbootanlagen sowie das angrenzende freie Wasser, das von den Stegen aus per Kescher erreichbar war 

B. Steinmolen, Buhnen und/oder Steinschüttungen 

C. Eulitorale Sedimentflächen bzw. ständig wasserbedeckte Sedimente mit darüber stehendem Flachwasser

Protokolliert wird in allen Habitaten das gesamte makroskopisch erkennbare Arteninventar, wobei exponierte und geschützte, sonnige und schattige, an der Wasseroberfläche wie auch tiefer gelegene Bereiche berücksichtigt werden. Dieses wird durch Fänge in der freien Wassersäule mit einem Sieb mit 1 mm Maschenweite ergänzt.

Steinmolen und Buhnen werden kontrolliert, lockere Steine umgedreht und die Zwischenräume inspiziert. Eulitorale Sedimentflächen werden nach Epibenthos und Spuren von Endobenthos abgesucht und ein spezieller Fokus auf die Bewuchsgemeinschaften von Bootsstegen, schwimmenden Hartsubstraten und ständig untergetauchten Strukturen gelegt. Diese anthropogen geschaffenen Strukturen stellen bevorzugte Räume für eine Primärinfektionen durch gebietsfremde Arten dar, da es sich bei vielen Neobiota um Hartbodenorganismen handelt. Sie können sich in ihrer Ansiedlungsphase auf den künstlichen Substraten auch nativen interspezifischen Wechselwirkungen wie Prädation und Konkurrenz entziehen. 

Neben der makroskopischen Bestandsaufnahme werden an verschiedenen Stellen Teile des Bewuchses entnommen und in Gefäße überführt. Dichter Bewuchs aus Algen, Muscheln, Seepocken u. a. bildet häufig einen Mikrokosmos, der von einer Vielzahl kleiner und mäßig großer Arten besiedelt oder temporär aufgesucht wird. 

Siebreste aus Sedimentuntersuchungen und unklare Befunde aus allen Habitaten werden ebenfalls zur späteren Laboranalyse mitgenommen. Diese Proben werden im Labor sortiert und nach Möglichkeit lebend bearbeitet. Bei größerem Probenumfang und aufwendigeren taxonomischen Arbeiten, welche häufig durch die geringe Größe der Organismen bedingt ist, wird das Material in Formol (4 %) oder Ethanol (96 %, geeignet für spätere genetische Untersuchungen) fixiert und unter dem Binokular oder Mikroskop bestimmt. Die Identifizierung erfolgt nach der gängigen Bestimmungsliteratur und anhand wissenschaftlicher Publikationen. Bei unklaren Befunden werden Spezialisten kontaktiert.

 

Im Gegensatz zu vielen Monitoringprogrammen wird bei dieser Untersuchung auf eine generelle quantitative Beprobung mit der Ermittlung von Abundanzen bewusst verzichtet. Die klare Zielvorgabe, eine möglichst umfassende Kenntnis der ansässigen Neobiota zu erhalten, erfordert eine gezielte Beprobung anstelle von Zufallsproben. Dadurch, dass ein sehr breites Spektrum von Organismen untersucht wird, müssten andernfalls mehrere unterschiedliche Methoden parallel angewandt werden. Dieses würde einen enormen zeitlichen, arbeitstechnischen und finanziellen Aufwand bedeuten, der mit den vorhandenen personellen Mitteln nicht zu leisten ist und dessen Informations-Mehrwert zweifelhaft ist. Dazu kommt, dass die Neobiota in deutschen Küstengewässern einer Vielzahl taxonomischer Gruppen angehören und damit ein enormes Größenspektrum aufweisen. So sind beispielsweise bestimmte Rotalgenarten erst unter dem Mikroskop zweifelsfrei als nicht heimische Arten zu identifizieren. Hier erscheint eine Quantifizierung nahezu unmöglich.

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Erweiterung 2016

Im Jahr 2016 wurde das Schnellerfassungsprogramm nicht nur um die Standorte Jade-Weser-Port und Sassnitz ergänzt, sondern auch um eine neue Beprobungsmethode. An allen Standorten werden nun über Sommermonate die Besiedlungsplatten ausgebracht. Diese aus der Ballastwassermanagementkonvention übernommende Methode hat den Vorteil, dass man einfach mehrere Wassertiefen beproben kann und eher kleine und selten Organismen entdecken kann. Ausserdem wurde eine Station bei der Austernbank Nordland eingerichtet, die in Zukunft Bensersiel ersetzen soll.

 

2017 wurde das erweiterte Rapid Assessment Monitoring in die Helcom Monitoring Guidelines aufgenommen.

Ergebnisse

Die Ergebnisse dieses gezielten Neobiota-Monitorings sind als Hafenlisten auf der Listen-Seite (link) zu finden

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© Kai Hoppe